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Rechenzentren und Kriegswirtschaft

Was sind Rechenzentren – und warum greift die Ukraine sie an?

VeröffentlichtDmytro Kogan

Militärtechnologie, künstliche Intelligenz, Industrie und Finanzwesen benötigen enorme Rechenleistung. Rechenzentren stellen sie mit Tausenden von Servern bereit. Angriffe auf solche Anlagen in Russland belasten die technologische Entwicklung und die Wirtschaft des Landes. Auch Banken, Unternehmen und Privatnutzer spüren die Folgen.

Im Oktober 2026 trafen ukrainische Fernangriffe Rechenzentren von Yandex und Sberbank sowie Infrastruktur für das soziale Netzwerk VKontakte. Damit rückte ein Teil der russischen Wirtschaft in den Blick, der neben Fabriken, Häfen und Treibstofflagern selten erwähnt wird.

Dabei hängen Produktion, Finanzwesen und die Entwicklung moderner Technologien zunehmend davon ab, dass Server funktionieren. Der Verlust von Rechenleistung hat deshalb Folgen, die weit über eine nicht mehr funktionierende Smartphone-App hinausgehen.

Was ist ein Rechenzentrum? Einfach erklärt

Ein Rechenzentrum, auch Datacenter genannt, ist eine speziell ausgestattete Anlage, in der Server untergebracht, Informationen gespeichert und Berechnungen ausgeführt werden.

Unternehmen können dort ihre Programme und Datenbanken betreiben oder Rechenkapazität mieten. Manche Rechenzentren bedienen Tausende Kunden. Andere werden für bestimmte Aufgaben gebaut, etwa für das Training von KI-Modellen.

Auch die vertraute „Cloud“ läuft auf physischer Hardware. Dateien, Unternehmenssysteme und digitale Dienste werden auf Servern gespeichert und verarbeitet. Diese benötigen durchgehend Strom, Netzwerkverbindungen, Kühlung und Wartung. So beschreibt Amazon Web Services, einer der größten Cloudanbieter der Welt, die Aufgabe von Rechenzentren.

Welche Bedeutung haben Rechenzentren im Krieg?

Moderne militärische Systeme verarbeiten große Informationsmengen. Aufklärungsmaterial muss gespeichert und ausgewertet, Software entwickelt und getestet, Algorithmen müssen trainiert werden. Dafür wird Rechenleistung benötigt.

Eine besondere Rolle spielt künstliche Intelligenz. Zu ihren Anwendungen im Verteidigungsbereich gehören Datenanalyse, Bilderkennung und die Unterstützung bei Entscheidungen. Die KI-Strategie der NATO behandelt ausdrücklich die militärische Nutzung ziviler Technologien mit doppeltem Verwendungszweck und den dafür nötigen Rechenaufwand.

Auch in Russland sind staatliche, unternehmerische, wissenschaftliche und militärische Entwicklungsarbeit miteinander verbunden. Diese Verflechtungen beschrieb die US-Forschungsorganisation CNA bereits in ihrer 2021 veröffentlichten Studie zu russischer künstlicher Intelligenz und autonomen Systemen.

Die militärische Bedeutung eines einzelnen Rechenzentrums hängt davon ab, welche Systeme und Organisationen es versorgt. Hinzu kommt ein breiterer technologischer Effekt: Weniger verfügbare Rechenleistung erschwert die Entwicklung der russischen KI-Branche und anderer Technologien, deren Ergebnisse auch im Verteidigungsbereich eingesetzt werden können.

Warum die Ukraine russische Rechenzentren angreift

Die ukrainische Führung hat die Angriffe öffentlich als Antwort auf russische Attacken gegen die digitale Infrastruktur der Ukraine erklärt.

Am 8. Oktober 2026 bestätigte Wolodymyr Selenskyj einen Angriff auf ein russisches Rechenzentrum. Russland habe ukrainische Rechenzentren angegriffen; die Ukraine antworte entsprechend, erklärte er.

Die strategischen Folgen lassen sich anhand verlorener Hardware, unterbrochener Rechenprozesse, Wiederherstellungskosten und verzögerter Technologieprojekte bewerten. Das belastet eine Wirtschaft zusätzlich, die zugleich einen Krieg finanziert und eigene digitale Plattformen entwickeln will.

Das gilt besonders für KI-Rechenkapazitäten. Ein neues Gebäude lässt sich errichten. Den gesamten Standort wieder in Betrieb zu nehmen erfordert darüber hinaus neue Geräte, die Einrichtung der Systeme und die Wiederherstellung ihres Zusammenspiels.

Welche russischen Rechenzentren wurden getroffen?

Die Angriffe im Oktober betrafen mehrere große Technologiestandorte:

  • 8. Oktober — das Yandex-Rechenzentrum in Sassowo im Gebiet Rjasan.
  • 9. Oktober — das Yandex-Rechenzentrum im Gebiet Kaluga.
  • 11. Oktober — das Yandex-Rechenzentrum in Wladimir.
  • 14. Oktober — die Sberbank-Anlage in Balakowo im Gebiet Saratow.
  • 18. Oktober — ein Rechenzentrum in Sankt Petersburg, das VKontakte versorgt.

Bei Sberbank gibt es einen wichtigen Unterschied: Connor Martin, Experte beim Council on Foreign Relations, beschreibt die angegriffene Anlage als ein noch im Bau befindliches Rechenzentrum. Hier geht es daher vor allem um eine verzögerte Inbetriebnahme neuer Kapazitäten.

Wie die Angriffe Russlands Wirtschaft treffen

Der Verlust von Serverkapazitäten verursacht mehrere Kosten zugleich.

Zunächst muss das Unternehmen den Betrieb wiederherstellen: Rechenaufgaben verlagern, Fachleute hinzuziehen und Ersatzgeräte beschaffen. Gleichzeitig können seine Kunden Arbeitszeit verlieren, weil Programme oder Datenbanken nicht verfügbar sind.

Hinzu kommen die Kosten verschobener Projekte.

Connor Martin vom Council on Foreign Relations verweist auf die Abhängigkeit der Yandex-Supercomputer von US-amerikanischen Nvidia-A100-Beschleunigern. Nach seiner Einschätzung könnte die schwierige Beschaffung von Ersatzgeräten die russische KI-Entwicklung weiter bremsen.

Das schränkt die technologischen Möglichkeiten des Landes ein: Geld und Zeit fließen in die Wiederherstellung bereits vorhandener Infrastruktur, während der Ausbau warten muss.

Warum Banken, Unternehmen und Nutzer die Folgen spüren

Ein einzelner Cloudanbieter kann viele Organisationen versorgen. Ein Problem an einem seiner Standorte kann deshalb verschiedene Dienste gleichzeitig beeinträchtigen: Unternehmenssoftware, Handel, Zahlungen oder die Verarbeitung von Dokumenten.

Nach den Angriffen im Oktober dokumentierte Associated Press Meldungen über Störungen bei Bankdienstleistungen, im Handel und bei weiteren digitalen Angeboten.

Für Nutzer bedeutet das einen nicht verfügbaren Dienst. Für Unternehmen entstehen Verzögerungen und zusätzliche Kosten. In der Gesamtwirtschaft führen solche Störungen zu Produktivitätsverlusten.

Was die Angriffe auf Rechenzentren für Russland bedeuten

Rechenzentren tragen die digitale Wirtschaft und ermöglichen die Entwicklung von Technologien, die auch für das Militär wichtig sind. Ihre Beschädigung verursacht heute Kosten und begrenzt die Möglichkeiten von morgen.

Der Krieg verschlingt russische Ressourcen an der Front und stört zunehmend auch die dahinterliegende technologische Infrastruktur. Rechenzentren sind zu einem der deutlichsten Beispiele dieser Entwicklung geworden.

Quellen